Butterfahrten zum Vorhof des Jenseits (© ’08)

Diese Holländer! In kaum einem Land sind die Menschen geschäftstüchtiger, vielleicht weil sie weitgehendst unter dem Meeresspiegel leben, daher das für sie schnell erreichbare Sauerland als Hochgebirge betrachten und ihren Käse extra rund produzieren, um ihn besser durch ihre Städte rollen zu können!
  Weil dem so ist, ihre Kühe zahlreich und deren Euter prall gefüllt mit sahniger Milch, haben die Holländer weiland die Butterfahrten erfunden. Den Ruf hörten die Käufer aus deutschen Landen alsbald, eilten in Scharen herbei, besonders in Autobussen, konnten sie in Holland die Butter doch billiger erstehen als im Tante-Emma-Laden um die Ecke, sogar billiger als in den Supermärkten, die sich auf diesem Gebiet als weniger super erwiesen. Zudem war in Holland auch der Sprit (für Autos, aber auch der Genever für trinkfeste Männer) billiger als in Deutschland. Das lockte einerseits zum Tankenfahren, was allerdings eine Milchmädchenrechnung darstellt, die wiederum zu Hollandfahrten passt, und zu den besagten Busfahrten.
  Im Laufe der Jahre vervielfältigten sich die Angebote der sogannten Butterfahrten immens, die bisweilen noch einmal mehr mehr grenzüberschreitend stattfanden, mit Klamotten, die keine Sau, geschweige denn ein Mensch brauchte und nirgendwo teurer zu erstehen waren als auf einer Butterfahrt. Matratzen, Rheumadecken, Kochtöpfe und -geschirr, Gemälde und Gerätschaften aller Art, Verjüngungsmittel, denn die Mitfahrer waren gewöhnlich schon recht reif, schlichtweg alles, was das Herz begehrte (Wieso begehrt eigentlich das Herz solch einen Mist?) oder auch nicht. Zum Anreiz gab’s ein Stück altbackenen Kuchen und lauwarmen Kaffee gratis, und der Fahrpreis war erschwinglich, wenn nicht gar geschenkt. Wer nichts kaufte, lief allerdings des Öfteren Gefahr, nach Hause laufen zu müssen, so war jedenfalls immer wieder mal zu hören und auch zu lesen.

Nun aber haben die Holländer eine neue Marklücke entdeckt und sind – pfiffig, wie sie nun mal sind – stante pede, was vom Begriff her zu überprüfen wäre, in selbige gestoßen: „Butter“fahrten in ein Krematorium! In Holland sind nämlich die Bestattungsrituale gesetzlich anders geregelt als hierzulande und daraus ergeben sich gewisse Vorteile für Verstorbene, vor allem deren Angehörige, wenn man denn Rituale der holländischen Art etwas abgewinnen kann.
  Jedenfalls lassen sie, die Holländer Busse voller Halbtoten und solcher, die es noch werden wollen, ins Land unterhalb des Meeresspiegel karren, wo ein Landsmann ihnen mit dem Charme und Dialekt eines Rudi Carell preiswerte Särge vorführt (Probeliegen wird ausdrücklich erlaubt, von wegen passende Sarggröße herausfinden, so zwischen M und XXL! Kein Flachs!), ihnen die Öfen vorführt und erläutert, mit welchen Temperaturen die Verstorbenen geläutert werden (von wegen Fege- jedenfalls Feuer), wenn’s dann endlich soweit ist, und schließlich und auch endlich, was dann mit der angesammelten Asche noch alles angestellt werden kann. Er weist zudem auf ein paar Kartons, die in der Ecke aufgestapelt sind, in denen allerlei Restbestände wie Knochen, Totenköpfe und was weiß ich aufbewahrt werden, die allesamt offensichtlich und vor allem wundersamerweise das Fegefeuer heil überstanden hatten, weswegen im Übrigen vorher auch die Beschläge von den Särgen entfernt werden, nicht weil sie zu recyclen sind, sondern weil sie durchaus mehrfach wiederverwendet können. Diese Ersatzteile menschlicher Natur sind ähnlich den Wildschweinen und Elchgeweihen an der Wand für die Kellerbar zu äußerst günstigen Preisen zu erstehen.
  Anschließend wird die Reisegesellschaft der Halbtoten und derer, die es noch werden wollen, auf eine nahe, von alten Bäumen umsäumten Wiese geleitet, wo die Asche jener, die lieber nicht mehr in einer Urne vor sich hindarben wollen, in der Warteschleife bis zum Jüngsten Gericht ausgestreut wird. Jedenfalls sind dortselbst mehrere solcher Häufchen zu besichtigen, noch ziemlich frisch und vom Wind mangels Stärke noch nicht verweht, auch vom Regen noch nicht weggeschwemmt. Der größte Teil einer solchen Reisegesellschaft ist gewöhnlich so von dem Ambiente dort fasziniert, dass sie sich schnell ein bisschen von den Aschehäufchen aufklaubt, ins Taschentuch packt, um selbiges daheim beim Stammtisch oder Kaffeekränzchen vorzuführen.
  So ganz nebenbei ist von dem Veranstalter zu vernehmen, dass eine Bestattung solcher Art in Holland um die 1.000 € billiger kommt als in Deutschland. Nichts wie hin!, kann der Autor da nur empfehlen, denn wer im Leben schon nicht sparen konnte, sollte es wenigstens dann beginnen, wenn’s ihm nichts mehr nützt, wenn er in das Leben danach eingetreten ist, denn wer weiß schon, wie dort die Regierung mit Rentnern verfährt. Und den trauernden Erben soll schließlich auch noch etwas hinterlassen werden, selbst wenn sie nicht trauern, sondern froh sind, den Alten oder das weibliche Gegenstück endlich nicht mehr pflegen zu müssen. Diese Fragen kann aber selbst ein cleverer Holländer nicht beantworten.

P. S.:
Makaber, meint meinen die verehrten Leserinnen und Leser? Der Autor hat nur mal wieder ein wahre Geschichte auf seine Art erzählt. Eine absolut wahre sogar! Entnommen einer Reportage, die eine öffentlich rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalt ausgestrahlt hat (Es wird ausdrücklich erwähnt: Keineswegs am 1. April!) einer Reportage, die mit versteckter Kamera während der Fahrt gefilmt wurde. Wie ich, der Autor stets und gerne zu sagen pflege: „Das Leben schreibt die wunderbarsten Geschichten, die keinem Autoren – noch nicht einmal dem Verfasser dieser Glosse – was etwas heißen will! – einfallen würden.