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Kein Thema

Sie können sich nicht vorstellen, welche Qualen ein Mensch erleiden muss, der geglaubt hat, mit dem Aneinanderreihen von Wörtern, Worten und Sätzen sein Dasein fristen zu können. Zu Beginn seiner gefühlten Berufung, die immer mehr in einen schlecht bezahlten Beruf ausartet, glaubt dieser Irre, eines Tages den Nobelpreis für sein unvergleichliches Schaffen, für seine Bestselleromane, seine Erzählungen, seine Gedichte zu erhalten, zumindest aber den Büchnerpreis oder den des deutschen Buchhandels. Er glaubt, dass die Filmemacher begierig darauf warten, dass er endlich etwas hervorgezaubert hat, das unbedingt mit den größten Stars der Branche verfilmt werden muss, auf dass die Oscars die Regale in der Kellerbar füllen. Doch mit jedem Tag, der ins Land zieht, mehrt sich die Einsicht, dass Träume schäumen und der Beruf eines Bankers wahrscheinlich ein höheres Einkommen erwarten ließe, vor allem, wenn die Karriereleiter in den Vorstand geführt hat, wo er nur darauf lauern muss, mit einer mehrstelligen Millionenabfindung gefeuert zu werden.
   Was einem solchen Tastenklopper bleibt, ist letztlich nichts weiter als die trübe Erkenntnis, dass glücklicherweise auch Kolumnisten benötigt werden, die sich wöchentlich über ihre Leserschaft ergießen dürfen zu allen möglichen Themen, die keine Sau interessieren, vielleicht gelesen werden, weil sie vor Witz sprühen, meist jedoch nicht, weil eben dieser Witz auf dem Weg vom Autor zum Leser seine Spritzigkeit eingebüßt hat oder verloren gegangen ist.
   Ich muss zu meinem Leidwesen eingestehen, dass auch ich zu den Spezies der Schreiberlinge zähle, die ich gerade mitleidheischend beschrieben habe, und ich schäme mich redlich dafür. Ich kann morgens längst nicht mehr in den Spiegel sehen, denn der Typ, der mir aus nachtschlafenden Augen entgegenblinzelt, ist mir so zuwider, dass ich ihm am liebsten nie mehr begegnen möchte. Doch ich komme vom Thema ab, was mir beim Schreiben stets am besten gelingt, sitze vor dem Bildschirm meines Computers, der eine leere Seite im Schreibprogramm zeigt und darauf wartet, dass ich selbige fülle mit einer Kolumne, die zu schreiben ich mich verpflichtet habe, damit ich mir zumindest hin und wieder ein Schnitzel mit Pommes, eine Kanne obergärigen Gerstensaft oder ein Flasche Wein, die nicht nur billigen Fusel enthält, leisten kann. Ich sitze hier, starre auf den Bildschirm, richtiger in die Leere dahinter und warte, warte auf die göttliche Erleuchtung – obwohl ich an eine Hilfe von oben schon lange nicht mehr glaube –, denn ich finde kein Thema.
   In den letzten Wochen haben mir zu meinem Glück die Politiker und Politikerinnen weltweit einigen Stoff geliefert, auch Königshäuser, Kulturschaffende, nicht zu vergessen Loddar Matthäus. Doch in der vergangenen Woche war absolut gar nichts los. Ein paar Beispiele seien zum Verständnis aufgeführt:
   Die Merkel sah nicht wie eine Politikhexe aus, die nie Zeit für ihr Outfit findet, war bei Udo Walz, dem Promifrisör, der ihr sichtbar den Kopf gewaschen hat. Sie hatte endlich mal ein passendes Jackett oder wie ich dieses Kleidungsstück nennen soll, übergestreift, das nicht so spack sitzt, auch keinen Angstschweiß unter den Achseln zeigt, weil sie in der Oper war und fürchtete, sechs Stunden Wagner nicht lebend zu überschlafen, oder ein zu ausladendes Dekolleté wie in Oslo, sonst immer ein beliebtes Thema;
   Westerwelle hat sich nirgendwo der Stimme enthalten, sodass ich nicht rätseln muss, ob er dafür oder eher gegen etwas war;
   Brüderle bekommt im Fernsehen keine Untertitel, damit die Zuschauer sein Genuschel mitlesen können, was das Verständnis seiner Ausführungen allerdings kaum fördern würde;
   Die FDP plant nicht Gefahr zu laufen, die unüberwindliche 5 %-Hürde zu überspringen, obwohl sie sich mit denselben Leuten wie zuvor runderneuert und einen Clown ohne Pappnase zum Vorsitzenden erkoren hat;
Die Koch-Mehrin gab nicht bekannt, im Playboy wieder ihre Reize zu zeigen, jetzt da sie keine Doktorin mehr ist;
   Schalke ist trotz aller Gebete und Verwünschungen aus Dortmund nicht abgestiegen;
   Bayern München hat noch nicht den Antrag bei der Ethikkommission eingereicht, Dortmund wegen Unschlagbarkeit in die 3. Liga von San Marino zu verbannen, obwohl Uli Hoeneß eine Wagenladung Würste für die achtstündige Mittagspause gestiftet hat;
   Die Wachstumshormone, die Sarkozy täglich verschlingt, haben seine Körpergröße keinesfalls längenmäßig beeinflusst, scheinbar aber seine Potenz – am Bauchumfang seiner Frau nachzumessen!;
   Berlusconi wurde im Jungmädchenkloster in Marokko nicht fündig, um Nachschub für seine Orgien einzukaufen;
   In Grönland ist kein Stammeskrieg ausgebrochen, da die dortige Demokratiebewegung nach dem Konsum einer Ladung Whisky wieder eingeschlafen ist;
Die Fußballweltmeisterschaft ist nicht von Katar auf eine Koralleninsel im Indischen Ozean verlegt worden, wie der Präsident des Fußballverbandes von Trizonesien gefordert hat;
   Oswald Kolle ist für sein Lebenswerk doch nicht für den nächsten Friedensnobelpreis nominiert worden;
   Der Papst hat sich noch immer nicht selbst heiliggesprochen, weil ihm das Wunder restlos misslungen ist, die CSU auf 105 % der Wählerstimmen im vereinigten Königreich Babati (Bayern, Baden und Tirol) zu bringen, obwohl Guttenberg schon mit den Hufen scharrt, um endlich gekrönt zu werden;
In Burkina Faso ist es nicht gelungen, die erste afrikanische Atombombe zu zünden, weil einer der Nachbarstaaten, der sich noch nicht dazu bekannt hat, die Konservendose mit Uran, in der sich in Wirklichkeit eingetrocknete und abgelaufene Tomatensuppe von Aldi befand, geklaut zu haben;
Bei Obama haben auf Veranlassung gut meinender Republikaner weder CIA noch FBI unter dem Schreibtisch eine weibliche Schreibkraft mit D-Körbchen angetroffen, die dort einen Griffel suchte;
Die Chinesen haben nicht die Monarchie wieder eingeführt, sondern bestehen weiterhin darauf, eine Demokratie zu bleiben;
   Die Amis haben immer noch keinen nächtlichen Hubschrauberangriff auf Gaddafi unternommen, um ihn zu meucheln und die grünen Bücher zu verbrennen;
   An der deutschen Ostgrenze zu Pakistan ist bei Taloqan kein Soldat auf eine Tretmine gelatscht oder auf andere Weise ins Jenseits gelangt;
   Eine Gruppe ziemlich bärtiger Terroristen findet offenbar keine Abschussrampe für eine Rakete, um die Betonqualität von Biblis II zu testen;
   Und … Ich könnte endlos mehr aufzählen.
Ich muss mir die Tränen aus dem Gesicht wischen, so sehr stinkt mir, dass sich mir kein Thema für eine Kolumne anbietet. Das Treiben auf unserem Erdball langweilt mich, und meine Langweiligkeit kann ich unmöglich meiner Leserschaft zumuten. Was soll selbige von mir denken? Sich etwa fragen, wofür bekommt dieser Kerl eigentlich Geld? Dann schauen sie sich wahrscheinlich lieber die Comedians im Fernsehen an, die täglich auf allen Kanälen über das wahre Leben berichten und dabei alles und jedermann durch den Kakao (oder? Jedenfalls was Braunes) ziehen. Die wissen eben, wovon sie reden.

Es tut mir leid, hoch verehrte Leserinnen und Leser. Ich habe in dieser Woche kein Thema für eine Kolumne gefunden. Bitte verzeihen sie mir. Die Spalte bleibt frei, bleibt leer, Sie haben den Vorzug, sich von meinen Ergüssen zu erholen. Vielleicht können Sie es besser als ich. Ergo: Schreiben Sie doch selbst eine, füllen Sie die leere Seite und ergötzen sich daran!

Oder könnte kein Thema auch ein Thema für eine Kolumne sein? – ausnahmsweise.